Ein Ausruf der Freude hallt durch die pink beleuchteten Regale der namenlosen Boutique. Diana hat die weiße Fellmütze entdeckt!

Freudig und flink, wie der Duracell Hase hüpft sie auf den gefunden Schatz zu, reißt ihn vom ausdruckslosen Plastikkopf der Schaufensterpuppe und zieht ihn sich über.

“Guck maaaaal!” sie dreht sich zu ihrer Frau Mama, die ein paar Schritte weiter weg steht: “Ist die nicht geeiiil?”

Frau Mama, einen Kopf kleiner, als das Töchterchen, eingepackt in eine fellbesetzte Daunenjacke, die einen Großteil ihres Körpers einhüllt, reckt den Kopf nach oben, nickt begeistert und meint: “Ohja, die passt auch toll zu den Schuhen!” und deutet auf  das Paar weißer Peeptoes, die Diana ein paar Minuten zuvor unter eine Achselhöhle geklemmt hat und gerade zur Kasse tragen wollte.

Diana strahlt, Mama strahlt, die Welt in rosa Licht getaucht, funkelt mit den Augen der Frauen um die Wette. Alles ist gut!

 

Cut.

 

Die schöne Svetlana betritt ihr Lieblingsgeschäft, den Strohhalm einer Babyflasche Prosecco zwischen die Lippen gepresst, die beste Freundin im Arm. Sie hat nur eine Mission: das perfekte, elegante Abendkleid finden, das aus ihr eine Femme Fatale machen soll! Betonung auf “fatale”. Natürlich.

Zielsicher steuert sie eine volle Kleiderstange an, die bereits aus der Ferne glänzt, wie der nächtliche Sternenhimmel. Ihre beste Freundin greift sogleich nach einem blauen Dress, dessen Dekolette das legendäre grüne Versace-Kleid von J.Lo, wie eine Schuluniform aussehen lässt.

Ja, das ist gut!

Svetlana zieht einen großen Schluck Prosecco und nimmt das Kleid an sich. Eine Verkäuferin, deren Haarpracht verdächtig an Rogue von den X-Men erinnert, gesellt sich zu den beiden angetrunkenen, kichernden Frauen und bietet ihre Hilfe an. Ein paar Minuten später entschwebt Svetlana der Umkleide.

Was sich da um ihren zugegebenermaßen sehr hübschen Körper schmiegt, lässt nichts erahnen. Sie betrachtet sich eine Weile, dann schüttelt sie wortlos den Kopf und verschwindet wieder in der Umkleide. Das gleiche Schauspiel wiederholt sich noch einige Male, jedesmal wirken Svetlanas Schritte ein wenig unsicherer, während sie auf den Spiegel zusteurt, kein Wunder, saugt sie doch mittlerweile nur noch Luft durch den Strohhalm ihrer Proseccoflasche.

Am Ende wird es ein bodenlanges, schwarzes, sehr sehr transparentes Spitzen-Dress. Svetlana johlt, die Freundin johlt, die Verkäuferin zieht hochkonzentriert Svetlanas Mastercard durch das Kartenlesegerät. Svetlana kichert: “Eigentlich zahle ich meine Kleidung nie selber!” sagt sie lachend.

 

Cut.

Inis steht vor der Kabine und betrachtet mit kritischem Blick das schwarze Etuikleid an ihrem, ihrem fortgeschrittenen Alter zum Trotz, formidablen Körper. Man könnte fast neidisch werden (ok ich bin neidisch).

Vorsichtig zupft sie noch hier und da und geht dann einen Augenblick in sich. Schließlich huscht ein botoxgeschwängetes Lächeln über ihr Gesicht und sie nickt ihrem Spiegelbild zu: “Das nehm´ich!”

Zurück in der Umkleide, huscht ihr ein “Oh!” durch die dünnen Lippen. Sie hat die Laufmasche an ihrem linken Oberschenkel entdeckt. Aber kein Problem! Ganz selbstverständlich, zaubert sie aus ihrer Handtasche ein frisches paar Strumpfhosen hervor.

 

Verdammt aber auch, die Frau ist auf alles vorbereitet! So gewitzt macht nur das Alter (und jahrelanges Yoga-Training!). Zufrieden mit sich und der Welt und total Zen, zieht sie den Vorhang wieder zu und sich um.

 

And scene!

 

 

Toll, oder?

Nein, wir sind hier nicht bei meinen gesammelten Eindrücken eines ganzen Tages im Neuperlacher Einkaufszentrum gelandet. Viel besser!

Welcome to “Shopping Queen”!

 

Shopping waaaas?

 

Ja Mensch, sagt bloß ihr habt von der Sendung noch nie gehört? Ja ich weiß, die meisten von euch haben seit Jahren keinen Fernseher mehr.

 

Das Prinzip in Kürze: Fünf Frauen, eine Woche, ein Wochenmotto (Zum Beispiel: Femme Fatale).

 

Jeden Tag bekommt eine der Damen die Aufgabe, passend zum Wochenmotto, innerhalb von vier Stunden und mit einem Budget von 500 Euro ein famoses Outfit zu ershoppen. Am Ende des Tages gibt es für das fertige Werk Punkte von den Konkurrentinnen. Am Ende der Woche gibt es zusätzlich noch Punkte vom unparteiischen, deutschen “Stardesigner” Guido Maria dingens äh Kretschmer on top. Wer die meisten Punkte hat, gewinnt!

 

Klingt wie das perfekte Dinner? Ja aber Minus Futter, plus Klamotten. Also (noch) viel besser.

 

 

 

 

Keine andere Sendung, die derzeit im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird, zeigt das Dilemma der modernen Frau auf unterhaltsamere Weise;  beantwortet besser die ewige Frage der Weiblichkeit, die uns seit Eva vom Baum der Erkenntnis genascht hat, tagtäglich beschäftigt: “Was ziehe ich heute an?”

 

Aber genug der Scherze, jetzt mal im Ernst: Die Sendung ist famos! Sage ich.

 

Denn: Neben ihrem hohen Unterhaltungsfaktor und dem angenehm niedrigen Fremdschäm-Level (für so ein Format) transportiert sie eine großartige Message, die in der Blogosphäre (jetzt fang ich wieder an zu stänkern) zwischen Acni, pardon Acne und Isabel Marant manchmal unterzugehen scheint, auf sehr angenehme Art und Weise. Nämlich, dass Mode in erster Linie Spaß machen soll, das alles geht, dass es keinen “guten” Geschmack gibt und keinen schlechten, sondern nur Freude und Lust an der Mode.

 

Mal ernsthaft, wenn es etwas gibt, wofür es sich nicht lohnt, sich die Köpfe einzuschlagen, dann dieses sich stetig wandelnde Tausend-Gesichtige verrückte Ding, das sich Fashion nennt.

 

Ich wundere mich doch sehr, dass auf den einschlägigen Blogs noch nicht mehr über diese Sendung zu lesen war. Schämt euch! Shopping Queen sollte Pflichtprogramm für alle Modeblogger sein! Riecht´s hier nach Ironie?

 

Nein, ich meine es ausnahmsweise ernst und weise jede Unterstellung von Zynismus von mir, wenn ich behaupte, dass es einfach eine Freude ist zuzusehen, wie Menschen sich am Shoppen erfreuen und stolz wie Oscar anschließend ihre Beute präsentieren. Ob sich beim Endprodukt ihr Sinn für Ästhetik mit meinem deckt oder nicht – who cares?

 

 

Selbst, wenn manche Damen am Ende des Tages mehr einem explodierten Cupcake gleichen, als einer sleeken Elin Kling, man möchte ihnen applaudieren.

Die Sendung zeigt Mode, wie sie wirklich ist, wie sie auf der Straße lebt (und ich meine keine Straße in Berlin Mitte oder Soho, New York) und nicht, wie der häufige Einheitslook online manchmal vermuten lässt:  Sie ist bunt, sie ist verrückt, kitschig, manchmal schrecklich aber immer verschieden und soviel interessanter, als die tausendste Version von Skinny Jeans und Pistol Boots.

 

Mode soll Spaß sein nicht Krampf, Selbstverständlichkeit nicht Erklärung, Vielfalt nicht Uniform.

 

Bevor ich noch weiter ins Pathos rutsche (Aua, Aua): Schaut euch die Sendung einfach mal an! Interessanter als der millionste Schnappschuss von Keds in Kombi mit Leo-Leggings ist sie allemal.

 

Nicht zuletzt wegen des beruhigenden Gefühls, dass sie einem mitgibt. Denn, wenn Diana so selbstbewusst ihre weißen Peeptoes mit passender Fellmütze einem Millionenpublikum präsentiert, muss ich mir wohl nie mehr Gedanken machen, ob mein Mascara zu meinem Gürtel passt. Puh!

 

Bisou!

 

O.

 

 

 

 

Nachtrag I: Nein, Vox bezahlt mich nicht für diesen Post. Schön wär´s!

Nachtrag II: Ein Qualitätsjournalismus ist das hier mit null Infos: Die Sendung läuft täglich um 15 Uhr. Gibt´s aber auch hier online.

 

 

 

 

 

Photos via: Vox.de und Hannes.Trapp