Es war einmal..

 

in einem magischen Königreich namens Bayern. Es war noch sehr früh am Tag, kurz vor der Mittagsstunde erst, als ein paar einsame Sonnenstrahlen sanft auf das Gesicht eines schlafenden jungen Mädchens fielen. Lächelnd wandte sie sich ab und öffnete beflügelt von der zärtlichen Liebkosung die Augen. Hallo schöne Welt!

Gut gelaunt sprang sie aus dem Bett, warf die Laken zu Boden und trippelte Richtung Badezimmer, während ihr treuer Diener der Kanarienvogel Cäsar sich daran machte das aufgewühlte Bett zu richten.

Cäsar war nicht mehr der Jüngste und brauchte heute länger dazu, als früher, aber jetzt, wie zu allen Zeiten, war auf ihn Verlass. Er kümmerte sich bereits seit vielen Jahren hingebungsvoll um seine Herrin.

Als das Mädchen nur mit einem Handtuch bekleidet aber duftend, wie eine frisch erblühte Frühlingswiese eine knappe Stunde später das Bad verließ, klopfte es plötzlich an der Tür. Ihrer latent exibitionistischen Neigung folgend, öffnete sie sogleich die Tür und fand vor sich einen Boten stehen, der ihr wortlos einen himmelblauen Umschlag aushändigte, sich anschließend verbeugte und wieder ging.

Neugierig öffnete das Mädchen den wohlriechenden Umschlag. Zum Vorschein kam ein goldenes Ticket.

Einen Augenblick später hallte ein langer Schrei der Freude durch das große, weite Königreich, so durchdringend glücklich, dass selbst Kinder auf der Straße sich umsahen, so laut und durchdringend, dass der alte Cäsar irritiert die Putzarbeiten einstellte und zu seiner Herrin flatterte.

Im Flur fand er das Mädchen. Da stand sie und hielt mit zitternden Händen das goldene Ticket. Ihre Augen leuchteten: “Cäser!” brachte sie mit bebender Stimme hervor.

“Eine Einladung! Eine Einladung zur langen Nacht der Mode!”

Der Kanarie zog seine nicht vorhandenen Brauen hoch und flatterte aufgeregt mit den schwachen Flügelchen.

“Zur langen Nacht der Mode?” meinte er ungläubig: “Der Auftaktveranstaltung zur Münchner Fashion Week, die schon drei Mal angekündigt wurde? Die Veranstaltung? Das total, super exklusive Event mit Modenschauen von Marcel Ostertag, Sonja Kiefer und Tom Rebl?”

“Ja!” antworte das Mädchen.

Nein!” sagte der Vogel.

“Doch!” erwiderte das Mädchen.

“Nein” wieder der Vogel.

“Doch!”

“Poah.”

Das Mädchen nickte nachdrücklich.

“Ein Wunder!” brachte der Vogel schließlich heraus “Was werdet ihr anziehen?” ”

“Ich weiß es nicht” antwortete seine Herrin und drückte den Vogel an ihre Brust.

“Die lange Nacht der Mode, Cäsar.. ich glaube es nicht. Hach, was wird das schön werden!”

 

Der Steiff-Mann und eine nette, junge Dame, die ungenannt bleiben möchte

 

So und jetzt im Ernst:

 

Es ist noch nicht einmal acht Uhr abends und ich sauge bereits meiner dritten Mini-Flasche Prosecco das Leben aus.

Ich würde gern rausgehen eine rauchen, wie ich es immer tue, wenn ich nichts mit mir anzufangen weiß, aber mein Mantel ist in der Garderobe und wird dort noch bis mindestens zehn Uhr als Geisel gehalten. Also drinbleiben und aushalten. Irgendwer hier riecht nach Hilfiger. Vor mir steht eine Traube von Mädels, die die Oberstufe noch nicht erreicht haben und wild auf ihren iPhones herumtippen. Was tun die hier? Und vor allem: WIE können die sich alle iPhones leisten? Die Jugend von heute.

 

Plötzlich Blitzlichtgewitter. Ich entdecke ein paar Meter weiter einen Mann, der mit (eindrucksvoller) stolz geschwellter Brust für die Fotografen posiert. Keine Ahnung, wer er ist aber sein Mantel wirkt, als sei er aus Steiff-Teddys gefertigt und er scheint irgendetwas mit Taschen zu tun zu haben .. zumindest knutscht er gerade ein schwarzes Modell ab. Ein Designer? Ich weiß es nicht. Ich sollte mich vermutlich schämen deswegen aber eigentlich überlege ich nur, ob ich ihn knipsen oder ihm lieber ein Leckerli zuwerfen soll.

 

Zwanzig Minuten später befinde ich mich zwei Stockwerke weiter oben, an meinen Lippen meine bereits zu einem Drittel erlegte vierte Flasche Prosecco. Die Spannung steigt. Gleich soll die Show von Sonja Kiefer beginnen. Nicht die Designerin, die ich mir als Bravo-Starschnitt an die Wand hängen würde, aber es ist meine erste Show und ich bin aufgeregt.

 

Allerdings beschleicht mich gleichzeitig die leise Ahnung, dass hier nicht alles ganz so läuft, wie bei den großen Vorbildern in Paris, Mailand und New York. Der Raum ist proppenvoll, die Sitzplätze am Catwalk besetzt und vor mir stehen ca. drei Reihen mit Kameras bewaffneter, hibbeliger Menschen. Irgendwie hatte ich mir das Ganze etwas gesitteter vorgestellt. Wenn ich nicht spontan einen Kopf größer werde, ist anzunehmen, dass ich wenig von der Show mitkriegen werde.

Und tatsächlich.

 

 

Zehn Minuten lang sehe ich große Fellmützen von links nach rechts und zurück spazieren. Sonst garnichts. So so, Fellmützen kommen also wieder..

Ich könnte mich mit Gewalt nach vorne kämpfen, um etwas zu sehen oder einem der Menschen vor mir auf den Rücken springen aber ehrlich gesagt, bin ich für beides viel zu schüchtern. Ich sage meiner erträumten Karriere, als knallharte, investigative Journalistin leise Bye Bye und gehe an die Bar.

Dort der nächste Schocker: Der Gratis Prosecco ist aus! Ab jetzt Alkohol nur gegen Bares. Ich schau auf die Uhr. Es ist noch nicht einmal neun Uhr, zwei vermutlich ebenso spannende Schauen, wie die Erste eben, liegen noch vor mir und ich sitze auf dem Trockenen. Ich fühle mich, wie ein Waisenkind in einem Dickens Roman, dem man den Nachschlag verwehrt und das mit knurrendem Magen ins Bett geschickt wird. Oh, du grausame Welt!

Mit einem kleinen, völlig überteuerten Bier bewaffnet, begebe ich mich Minuten später wieder runter ins Foyer, wo die Coolsten der Coolen in der Zwischenzeit – der Kälte draußen sei es gedankt –  damit begonnen haben drinnen zu rauchen. Da ich mich selbstredend dieser Gattung Mensch angehörig fühle (besonders nach vier Flaschen Prosecco), sehe ich es als gegeben an, dass ich es ihnen gleichtun darf.

Da stehe ich also wieder und schaue mich um. Es ist noch voller geworden und ständig strömen neue Menschen herein.

Ich erspähe irgendwo in einer Ecke Peyman Amin neben einem gut zwei Meter großen geschlechtslosem Wesen, eine Ecke weiter Gil Ofarim samt Freundin (Ja, Ladys der Mann ist vergeben!), dazwischen Bündel von hübschen jungen Mädchen und gut durchjährten Männern in Anzug und Krawatte. “Bizarr”, denke ich und muss niesen. Irgendwer muss Feenstaub in meine Richtung gefeuert haben. Ich bin doch allergisch.

 

 

 

Ich fühle mich, wie auf einem anderen Planeten. In fünfzehn Minuten soll die Marcel Ostertag Show beginnen.

Plötzlich fühle ich mich furchtbar einsam und verlassen, inmitten all dieser wahnsinnig wichtigen, schönen Menschen. Große Egos, wohin man blickt, nur getoppt von noch größeren Handtaschen. Durch die offene Tür zieht etwas frische Luft herein. Ich spüre, wie erledigt ich bin. Aber jetzt schon gehen?

Und plötzlich, als würde der Allmächtige selbst mir ein Zeichen geben wollen, ein bekanntes Gesicht .. Herr Hämmerle Mister Styleclicker himself, (ich dachte nicht, dass es ihn wirklich gibt) huscht an mir vorbei Richtung Ausgang.

Anscheinend findet er die Veranstaltung genauso gelungen, wie ich. Ich überlege kurz, während ich beobachte, wie sich die Party mehr und mehr füllt und die Luft knapper und knapper wird.

Zwanzig Minuten später sitze ich im Bus Richtung Zuhause. Es ist ruhig, ich lehne mich ans Fenster und atme durch. Die Party geht ohne mich weiter doch ich habe nicht das Gefühl irgendwas zu verpassen. Ganz im Gegenteil.

 

 

Und die Moral von der Geschicht: Das nächste Mal nehme ich Cäsar mit. Ein tierischer Weggefährte ist in einer verrückt, bizarren Parallelwelt nie verkehrt. Das hat schon Alice gewusst. Die von Lewis Carroll, nicht der Mobilfunkanbieter!

 

Bisou,

 

O.

 

Nachtrag: Ja, mehr Fotos wären schön gewesen. Ich weiß. Es war mein erstes Mal unter wichtigen Menschen, ich hab einfach nicht dran gedacht. Vergebt mir.