Da schau her: Der Karl heute in Begleitung. Das gab´s noch nicht. Premiere.

Wie allgemein bekannt (sein dürfte/sollte/müsste), bin ich kein großer Verehrer von Fashionfotografie. Die meisten Kampagnen und Editorials strafe ich mit Ignoranz. Schamlos blättere ich über sie hinweg und kichere dabei bösartig in meinen Bart.

Ach, i wo!

Tatsache ist allerdings, dass es nur selten vorkommt, dass ich in (Mode)Zeitschriften über Bilder stolpere, die mich mehr als zwei Sekunden beschäftigen. In der Regel braucht es schon mindestens den Wahnsinn und Farbrausch eines David Lachapelle um meine länger anhaltende Aufmerksamkeit zu erlangen.

Als ich nun neulich die Bekanntschaft des talentierten Fräuleins Schreiber machte, einer jungen (Mode)Fotografin, deren Bilder mir tatsächlich zusagten (voila), dachte ich mir, dass das doch die Gelegenheit wäre, jemanden vom Fach in meiner bekannt liebenswürdigen Art mit ein paar mehr oder minder intelligenten Fragen zu malträtieren. Könnte ganz interessant sein, nech?

Eben.

Es folgt: Zwei Stühle eine Meinung. Oder auch: Einer fragt, einer antwortet.

 

 

Der Karl (das bin ich): Bezaubernde Charlotte. Ein paar easy-peasy Textbook-Fragen zum Einstieg. Was hat dich besonders an der Modefotografie gereizt?

Charlotte: Modefotografie ist ein Gemeinschaftsprodukt – und ich finde schön, wie aus einer Idee mit Hilfe eines guten Teams innerhalb kürzester Zeit tolle Bilder entstehen. Es kombiniert all die Dinge, die ich generell an der Fotografie schön finde: spannende Gesichter, attraktive Menschen, aufregende Kleidung, das kreieren von Landschaften und das Spielen mit der Situation. Ich bin ein sehr intuitiv arbeitender Mensch und die Interaktion mit dem Team bringt immer wieder Neues. Das alles bereitet viel Freude.

 

Der Karl: Wie bist zur Fotografie gekommen?

Charlotte:  Mein Vater hat gerne fotografiert und ich hatte deshalb schon früh die ein oder andere Kamera in der Hand. Ich wollte eigentlich Medizin studieren oder Publizistik. In der 12. Klasse gab es in meinem Kunst-LK dann eine Aufgabe, die wir fotografisch zu lösen hatten. Ich fand das toll und habe gemerkt dass ich gut darin bin. Daraufhin habe ich mehr fotografiert und mir nach dem Abitur ein Jahr frei genommen um meine Mappe zu fotografieren und bei Fotografen zu arbeiten. Auch das hat noch Spaß gemacht. Dann wurde ich an der FH Dortmund im Fachbereich Design angenommen und habe Fotodesign studiert. Macht immer noch Spaß. War also richtig. Ich kann eh kein Blut sehen. Das wäre lustig geworden.

 

Der Karl: Kollegen, die du bewunderst?

Charlotte: Tolle, großartige Bilder machen z.B. Will Davidson und Paolo Roversi, in seine Bilder bin ich schon seit Beginn meiner Fotografie verliebt. Auch zu Lee Friedlander kehre ich immer wieder zurück. Ach, und Norman Jean Roy natürlich!

 

 

Der Karl: Gibt es Labels/Designer/Models (für), die du gerne mal Fotos schießen würdest oder hast du da keine Präferenzen? 

Charlotte: Ich glaube ich habe da keine Präferenzen – manchmal sehe ich Kampagnen und denke, dass es sicherlich ein großer Spaß wäre das mit meiner Fotografie umzusetzen. Aber wenn ich mir was aussuchen könnte, dann wäre so eine Jil Sander Kampagne wie von Herbst/Winter 08/09 großartig. In den letzten Saisons war ich auch zusätzlich immer ein großer Fan von Stella McCartney und Eli Saab. Wenn sich davon jetzt wohl einer bei mir melden würde?! Oh, und modelwise? Lily Cole!

 

Der Karl: Was fasziniert dich an deinen Lieblingsmodels?

Charlotte: Das sind so spezielle Typen. Da ist etwas Spannendes in der Person. Man möchte diese Menschen kennenlernen und wenn es nur fotografisch ist. Wenn ich mal Annie Leibovitz zitieren darf: “When I say I want to photograph someone, what it really means is that I´d like to know them. Anyone I know I photograph.”

 

Der Karl: Männliche Lieblingsmodels? 

Charlotte: Spontan, Clement Chabernaud und Johnny Harrington.

 

Der Karl: Stars, die du gerne mal knipsen würdest?

Charlotte: Scarlett Johansson und Jonathan Rhys-Meyers.

 

 

Der Karl: Du hast von Juli bis Dezember 2010 ein Praktikum in New York City bei Fotografin Anna Wolf absolviert (hach, New York, New York, ich bin neidisch). Was hat dich am meisten überrascht an der Arbeit dort?

 

Charlotte: Also, ehrlich gesagt hat mich sehr überrascht, wie nett alle Leute waren. Bei einer Show der New Yorker Fashion Week kam ich zufälligerweise mit der Mutter eines Designers ins Gespräch, was mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst war. Daraufhin wurde ich der Familie vorgestellt und abends zu einer Party eingeladen. Das war schön und in der Tat unerwartet. Natürlich weiß ich, dass das nicht immer und überall so läuft aber die meisten Begegnungen in der Modebranche waren ähnlich entspannt.

 

Der Karl: Unterscheidet sich die Arbeitsweise dort irgendwie von der hier?

Charlotte: Oh, in NY geht alles viel schneller – die Leute sind motivierter, freundlicher und spontaner. Man arbeitet mehr. Und kommt schneller voran. In Deutschland ist alles noch so zäh – alles dauert relativ lange und niemand gönnt sich etwas.

 

 

Der Karl: Nun die bösen Fragen (ich mach nur Spaß): Gibt es gerade Trends auf die scheinbar jeder Fotograf aufspringt? Irgendetwas was du nicht meht sehen kannst?

Charlotte: Ja, ich finde schon. Ich persönlich habe mich z.B. total am Terry-Richardson-Look satt gesehen. Ich meine, es ist nicht so, als hätte Terry Richardson es erfunden halbnackte/nackte Models direkt anzublitzen, aber er hat es perfektioniert. Und es gibt viele Fotografen (oder welche, die es sein wollen) die auf diesen Zug aufspringen. Ähnlich ergeht es mir mit Hedi Slimane und Ryan McGinley. Generell ist es ja durchaus gut, sich Vorbilder zu suchen und dem nachzueifern, was einem gefällt. Manchmal gelingt es Fotografen auch, dass in einen eigenen Stil und in eine eigene fotografische Ansicht umzuwandeln. Manchmal eben auch nicht.

 

Der Karl: Thema Photoshop. Her damit, muss sein, so wenig wie möglich? 

Charlotte: Ja ja, Photoshop. Früher gab es ja auch keine unbearbeiteten, unretuschierten Mode- oder Kampagnenbilder. Insofern ist die Bildbearbeitung nicht durch Photoshop entstanden. Es gehört also zum normalen Workflow.  Ich mag’s nicht – und versuche das auch nicht zu übertreiben. Vor allem in der Modefotografie werden mit Photoshop menschliche Abbilder geschaffen, die grenzwertig sein können und mitunter gesellschaftliche Folgen haben. Aber das ist ein Thema für sich.

Zusätzlich ist es ein Fluch, wenn es um Kunden geht. Die gehen gerne mal davon aus, dass die Vorbereitung auch unzureichend sein kann: denn Photoshop kann alles retten.

Wenn am Abend vor dem Druck noch jemand anruft und sagt: Kannst du den Pulli mal eben doch noch in Rot umfärben, dann wünschte ich mir Photoshop wäre nie in die Hände von, ähm, Nicht-Könnern gefallen. (Zur Info: Ja, ich kann das – ich mache es aber nur, wenn das auch entsprechend bezahlt wird.)

 

 

Der Karl: Macht es für dich einen Unterschied, wenn du dir Kulissen und Motive überlegst, ob du ein ultra skinny Model knipst oder eher eine Dame aus einer Dove Kampagne? 

 

Charlotte: Ja, das mit den Models. Ich bin sehr wählerisch bei meinen Castings. Ich versuche niemand ultra ultra skinny zu buchen. Das entspricht, persönlich, nicht meinem Geschmack. Für mich macht es aber generell keinen Unterschied, ob dünn oder normalgewichtig. Es kommt nur darauf an, wie wohl die Person sich in ihrem Körper fühlt und damit wie sie sich vor der Kamera bewegt.

 

Der Karl: Denkst du manchmal an die Verantwortung (ja, großes Wort), die du trägst? Daran, wie sehr du mit deinen Bildern und dem Schönheitsideal, das diese transportieren eventuell viele junge Mädchen beeinflusst?

 

Charlotte: Ja, ich denke darüber nach. Ich halte es auch durchaus für wichtig über so etwas zu reflektieren. Bilder schaffen Ikonen und man kann als Fotograf versuchen die Wirkung zu beeinflussen. Zumindest bin ich noch in dieser idealistischen Phase. Ich versuche danach auch zu fotografieren. Models, die mir zu dünn sind, nehme ich nicht. Ich achte auf den Umgang am Set. Ob das irgendwas irgendwo ändert, keine Ahnung.

 

 

Der Karl: Wieviel in deinen Bildern kommt von dir und wieviel wird vorgegeben vom Kunden?

Charlotte: Die letzten Editorials, die ich gemacht habe, waren alles freie Geschichten. Da bin ich der Chef – das ist am schönsten. Ich hab eine Idee, ich suche mir das Team und ich mache worauf ich Lust habe. Ich wünschte es wäre immer so.

Und ja, sonst kommt es sehr auf den Kunden oder das Magazin an. Man kann durchaus auch mal Ideen pitchen – also etwas vorschlagen und dann das Konzept gemeinsam entwickeln. Manchmal sind die Produktionen aber auch schon gesponnen und man stößt als Fotograf hinzu.

 

Der Karl: So, und jetzt noch mal ein paar kurze, knackige zum Abschluss: Eine immer perfekt gekleidete Frau?

Charlotte: Natalie Portman.

 

Der Karl: Was ist Stil?

Charlotte: Irgendwann bin ich mal über folgenden Ausspruch gestolpert:”Style is the perfection of a point of view”. Das fasst es ganz gut zusammen.

 

Der Karl: Welches Motto hätte dein Traum-Shooting?

Charlotte: Manhattan’s Snowy Fairytale.

 

Der Karl: Und zu guter Letzt: Eine Kampagne/ein Editorial, das dich zuletzt total umgehauen hat? 

Charlotte: So richtig umgehauen? Hm. Ich habe Jeff Bark in Erinnerung, der Cailin Hill für Bullett fotografiert hat. Super schön. Und eine Geschichte von Will Davidson für Russh. Toll!

 

 

 

 

So das war´s schon. War doch gar nicht so schlimm.

Ich bedanke mich vielvielvielvielmals bei Charlotte für ihre engelsgleiche Geduld (Dankeeeeee, du bist ein Schatz)! Beim Manhattan´s Snowy Fairytale Shooting möcht ich bitte, bitte, dabei sein (können wir´s in der Nähe einer Crumbs Filiale schießen?).

Ich hoffe die geneigte Leserschaft ist an dieser Stelle noch bei mir und hatte Freude beim Lesen. Seid nicht zu hart mit mir, das war mein erstes Interview.

See you later, alligator!

 

Bisou,

 

O.

 

Nachtrag: Heut gibt´s keinen Nachtrag.

 

Photos via: CharlotteSchreiber.com (obviously)