Es gibt Tage, manche Tage, an denen ich das Leben einer jungen, erfolgreichen Moderedakteurin sehr erstrebenswert finde. Jeden Tag aufgestylt zur Arbeit erscheinen, ohne dass jemand komisch guckt, den ganzen Tag an einem Apfel nagen, ohne dass sich jemand sorgt (weil alle anderen noch weniger essen), ständig hereinflatternde Einladungen zu tollen glamourösen Partys, Shows und Fashion Weeks auf denen mit Gleichgesinnten und seit Neuestem auch dem Pöbel (den sogenannten Bloggern) um die Wette gestöckelt und milde gelächelt wird.

Ja, es ist ein aufregendes, ein funkelndes Leben. Doch Obacht! Selbst dieses Strahlen hat so seine Schattenseiten. Ihr glaubt mir nicht? Doch doch. Denn:

Ich mag mir kaum ausmalen, wie schwer es jemandem mit einem IQ über Fünfzig (und den unterstellen wir den Textern aus dem Fashion- und Lifestylebereich durchaus) fallen muss, tagtäglich die gänzlich unschuldige, wunderbare deutsche Sprache auf´s Schlimmste zu vergewaltigen, zu verwurschteln und durch obskureste (gibt´s das Wort?) Wortschöpfungen zu entweihen.

 

 

 

Ich skizziere einmal, was ich meine:

Stellen wir uns einen sonnigen Montagmorgen vor. Die Sonne lacht, die Vöglein singen.

Nachdem Redakteurin D. vom G-Magazine ihr treues Zweirad vor dem schmucken Altbau abgestellt und sich ihre blitzeweißen Kopfhörer aus den Ohren gepuhlt hat, nimmt sie mit einem kecken Lächeln um die Lippen ihren Starbucks aus dem Getränkehalter am Lenker und betritt das Redaktionsgebäude. Zwei Stufen auf einmal nehmend, springt sie wie ein junges Reh die drei Stockwerke, trotz 12 cm Louboutins, in etwas unter zwei Minuten hinauf.

In der Redaktion angekommen, tänzelt sie zu ihrem Arbeitsplatz, weckt dort ihren Mac mit einem sanften Kuss auf den Bildschirm und einem “Guten Morgen!” und lässt sich in ihren Stuhl fallen.

3 Stunden später: Nachdem sie die wichtigsten Fashion- und Lifestyleblogs durchforstet und das aktuelle Wissen der Welt in sich aufgesogen hat, macht sie sich langsam an die richtige Arbeit. Ein Artikel über die neue Chanel Kampagne ist fällig. Also los!

Mit einem Mausclick öffnet sie ein Text-Dokument, während sie parallel mit der anderen Hand (ohne dabei den Blick vom Bildschirm abzuwenden) die unterste Schublade ihres Schreibtisches aufzieht .

Zum Vorschein kommt ein goldfischglasgroßes mit einer klaren Flüssigkeit gefülltes Gefäß. Den Blick weiterhin an den Bildschirm geheftet, testet sie mit dem Zeigefinger schnell die Temperatur der Flüssigkeit. Hm hm hm, ja passt.

Ein leichtes Ziehen an ihrem linken Ohrläppchen setzt nun den entscheidenden Mechanismus in Gang.

Ein kurzes Rattern und Surren später, öffnet sich mit einem PLOPP die Schädeldecke der jungen Frau.

Vorsichtig greift unsere Redakteurin in die Öffnung (Kinder guckt weg, jetzt wird´s plastisch!) und fischt eine wabernde Masse hinaus, welche sie dann ganz sachte ins Goldfischglas setzt. Wortlos zieht sie die Schublade wieder zu, richtet sich die Frisur und beginnt zu tippen.

 

 

 

So und nicht anders, muss man sich die Geburt von vielen, vielen grandios schlimmen Wortschöpfungen aus dem Fashion- und Lifestylebereich der letzten Jahre wohl vorstellen. Dabei fing es doch so harmlos an. Ich erinnere mich als wär´s gestern gewesen:

Zuerst kam das Must-Have. Erinnert ihr euch noch? Lang ist´s her. Es blieb gar nicht lange allein, da es sehr bald von der It-Bag und all ihren It-Freunden begleitet wurde. Was folgte, waren viele, weitere Wortkreationen aus dem anglophonen Bereich (Jemand eine Statement-Kette gefällig? Ein anderes Key-Piece vielleicht?), welche den meisten hier natürlich geläufig sein dürften.

Diese wohlgemeinten Anglizismen könnte man in Ermangelung wohlklingender, deutscher Alternativen noch tolerieren aber beflügelt durch junge, scheinbar furchtbar kreative Chefredakteure kündigte sich sehr bald, weit Grauenvolleres an. Ihr wisst was ich meine! Ich spreche vom einzig Wahren, Gänsehaut auslösenden, verspielt klingend wollenden Obergraus “Haben-Wollen”!

Haben-wollen? Eher Schlagen-Wollen!

Dieses und viele weitere, ähnlich infantil klingenden Wortmonster, bevölkern mittlerweile viele, viele Seiten unser aller geliebten Druckerzeugisse und breiten sich stetig aus. Ein Ende ist nicht in Sicht. Doch das ist noch nicht mal das Schlimmste.

Wieso seit Neuestem Begriffe wie “OMG”  und “Kreisch” aus dem Cyberspace auf unschuldiges Papier gezerrt werden, entzieht sich vollkommen meinem Verständnis. Was kommt als nächstes? *Knuddel* und *HDL*? Ich prophezeie an dieser Stelle die Rückkehr der Sternchen-Sprache. Rette sich wer kann!

Love, love, love? Eher Nein, Nein, Nein!

 

Deshalb hier und jetzt mein Aufruf, meine wohlgemeinte, ehrliche Bitte:

 

Liebe Redakteure vom Bli, Bla und Blubb Magazin (Ich wär schön blöd hier Titel zu nennen, ich brauch doch noch Praktika!) mir ist absolut bewusst, dass gerade im Fashion- und Lifestylebereich, der sich durch eine zum großen Teil junge Leserschaft auszeichnet, ein paar Sprachspielereien erlaubt sein müssen. Ich fordere hier nicht das staubtrockene Vokabular einer Geo oder SZ.

Aber was sich in manchen eurer Publikationen an Ausdrücken eingebürgert hat, treibt selbst mir, als hartgesottenem Fan, mittlerweile immer häufiger die Tränen in die Augen. Vereinzelt sind diese Wortkreationen durchaus zu ertragen, bisweilen sogar süß. Geballt auf mehrere, dutzend Seiten wirken sie allerdings in etwa, wie zwanzig Stück Zucker im Kaffee.

Von einer Frauen-Quote habt ihr doch sicherlich mal gehört, oder? Ich schlage euch eine Haben-Wollen Quote vor!

Nicht mehr und nicht weniger, als drei Haben-Wollen und Geschwister pro Heft.

Überlegt´s euch, bitte! Das wäre wirklich totally fabulous!

 

Bisou und Danke im Voraus,

 

O.

 

 

Nachtrag I: Ja doch, ich kenne den Spruch “Wer im Glashaus sitzt.. usw usf”.

Nachtrag II: Wir versichern hiermit, dass bei der Produktion dieses Textes keine Klischees verletzt oder missbraucht wurden. Sie sind alle wohlauf.

 

Photo: (c)we-love-brands.com