Von einer, die auszog in die Welt der Schönen und Dünnen und leicht beschwipst zurückkam. Diesmal: Beim Pressday.

 

 

Phase 1: Vorbereitung

Okay, du willst gut aussehen aber nicht ZU gut. Aber was heißt schon zu gut in der Welt, in die du dich gleich aufmachst. Zu gut gibt es nicht, so wie es zu dünn nicht gibt. Ach, just keep it simple, stupid!

Du fischst eine Jeans aus dem Schrank, denn du hast vor ein paar Wochen beschlossen dein frühkindliches Jeans-Trauma zu überwinden und das ist doch die Gelegenheit! Also ok, Jeans. Dazu natürlich die spitzen Zara Heels mit Fesselriemchen, die grad durch alle Modeblogs geistern nur damit gleich alle wissen, dass du weißt, was die coolen Kids jetzt tragen.

Für obenrum gibt´s ein Hemd und du lässt Mode-Rebell, der du bist natürlich die obersten zwei Knöpfe offen denn zugeknöpft ist total last season, ausserdem kommt so die Statement-Kette, die seit Monaten in deiner Schmuckschatulle vermodert endlich mal zu ihrem großen Auftritt. Dass du sonst nie Schmuck trägst, weiß dort ja keiner.

Jetzt noch ne Tasche in die dein Schreibblock passt ( Schreibblock = Karla Kolumna! Also total professionell ). Fertig.

Du schaust in den Spiegel. Dein Hüftumfang scheint sich seit gestern Abend verdoppelt zu haben. Du beschließt deinen wadenlangen Mantel drinnen anzubehalten. Kaschiert und wirkt gleichzeitig ultralässig. Wie clever du bist. So, ready! Pressday here I come!

 

 


Phase 2: Orientierung

Du stehst vor dem Hotel und rauchst eine Zigarette. Du fühlst dich, als müsstest du auf eine Party auf der du niemanden kennst. Und du kannst dir nicht mal Mut antrinken. Du lässt dir extraviel Zeit bei jedem Zug. Dein Herz pumpt ein bisschen schneller, als es sollte. Mei, bleib ruhig! Was hast du dort schon zu befürchten?

Ein paar PR Menschen, ein paar Blogger, vielleicht ein, zwei Models und a bissl Münchner Szene Volk. Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass ein ausgehungertes Model sich in deiner knackig appetitlichen Wade verbeißt. Ist erst ein Mal passiert. Also los!

Du betrittst das Hotel, fährst hoch in den 666. Stock (die Agentur hat die Sky Lounge gemietet – nobel nobel) und hörst im Flur schon ein Wirrwarr an Menschenstimmen. Okay, jetzt geht´s los! Du gehst durch die Tür.

Ein erster Rundumblick zeigt: Grüppchen hier und da, links eine Sofaecke, ein Tisch mit Sektgläsern- und Flaschen, in der Mitte ein paar Kleiderstangen mit den neuesten Kollektionen von den Designern X, Y und Z.

Weiter rechts im Schlafzimmer ein Tisch mit Drinks und Häppchen (Oh Gott, hast du Kohldampf! Aber gleich auf´s Futter zusteuern geht nicht).

Selbst das Badezimmer ist vollgestellt mit Fläschen und Tiegeln und Flakons und allerlei Kram, den es nicht bei DM gibt. Du überlegst, ob man die Toilette wohl nutzen kann oder, ob sie nur Deko ist.

Auf dem Bett im Schlafzimmer liegen bunte Kopfhörer und süße Stoffbären und allerlei Krams, dessen Nutzen du nicht auf Anhieb erraten kannst.

Anscheinend hast du dich gut reingestohlen, die PR Hasen haben dich noch nicht entdeckt. Du beobachtest, wie sie ein paar Redakteure durch die Suite führen und ihnen erklären, was das glitzernde Ding auf dem Regal macht und, was sich die Designerin dabei gedacht hat, als sie sich entschied Gürtel aus Bambusrinde anzufertigen (Back to nature! Go Green und so).

Du setzt dich aufs Bett und holst deinen Block raus.

 


Phase 3: Positionierung

Du schaust dir eine Zeit lang fachmännisch nickend ein paar Sachen auf den verschiedenen Kleiderstangen an und schreibst dabei eifrig in dein Notizbuch:

“Name der Designerin/Motto der Kollektion/Auffälligkeiten/Key-Piece/Toll/Ih “

Und, ach du musst später noch Vollkornbrot kaufen! Schnell notieren bevor du´s vergisst:

“Vollkornbrot”

Nachdem du eine Weile so herumgeschlendert bist und dabei jeden, der dir entgegen kam, so nett, wie nur du es kannst angelächelt hast, beschließt du, dass es an der Zeit wäre, dich vorsichtig an den Futtertrog vorzuarbeiten aber just in dem Moment entdeckt dich die Agenturchefin. Verdammt!

“Hi, na, schön dass du´s geschafft hast! “

“Ja, hi! Ja, ich dachte mir, wenn ihr schon die Sky Lounge mietet, muss ich allein für´s Panorama mal vorbeischauen.”

Einem unsichtbaren Zwinkern von dir, folgt ein kurzes Kichern von ihr.

“Ja, toll oder? Sorry, dass ich dich jetzt erst begrüße, hier ist die Hölle los!”

“Ja, ich hab´s gemerkt. Kein Problem, ich hab mich schon mal a bissl umgesehn. “

Du bist nicht wirklich gut im Smalltalk und hast dein Tagespensum fast schon ausgeschöpft, als sie fragt, ob sie dir irgendwas zeigen soll oder du vielleicht Fragen zu einer Kollektion hast. In diesem Moment wünschst du dir sehnlichst, du hättest dir irgendwelche Fragen notiert. Stattdessen nur weißes Rauschen in deinem Kopf, während sie dich mit Bambi Augen anschaut.

“Nein also äh.. eigentlich nicht.”

Sie schaut fast enttäuscht.

“Aber ich schau mich noch weiter um und wenn ich fragen hab oder später was brauch für einen Artikel meld ich mich bei dir!”

Phew, nochmal gerettet! Sie lächelt erleichtert.

“Okay gut. Dann viel Spaß noch!”

 

 

 

 

 

Du bedankst dich nochmal für die Einladung dann zieht sie von dannen. So, jetzt aber Essen! Dein Magen knurrt. Am Tisch angekommen, entdeckst du ein paar Schälchen mit Nüssen und Trockenfrüchten. Daneben eine Schüssel mit Schokolade. Hm!

Die gierige Seite in dir will die Schokolade. Die total professionelle Moderedakteurin, die du heute gibst allerdings würde sich eher in den Finger beißen. Also nimmst du ein paar Macadamias und schiebst zwei getrocknete Aprikosen hinterher.

Neben den Schalen stehen weiße Fläschien mit einem ominösen Wellness-Drink, der in wunderbar pinken Lettern Instant-Schönheit verspricht. Oh, wenn man von etwas nie zuviel haben kann dann Schönheit! Du greifst dir eine Flasche aber scheiterst am Verschluss. Während du verzweifelt an der Kappe zehrst, kommt dir urplötzlich Barbarella zu Hilfe.

Zwei Köpfe größer als du, auf mörderisch hohen Overknees balancierend, einen Fellschal um den Hals kommt sie, um dich zu retten. Ihre Haut ist pechschwarz und ihr Lächeln überwältigend.

Während sie dir die Flasche aufschraubt, bemerkst du, dass ihre Begleitung ein durchaus bekannter Mensch im Münchner Nachtleben ist, auf dessen exclusive Partys du allerdings bisher noch nicht eingeladen wurdest. Dir will beim besten Willen sein Name nicht einfallen. Was soll´s. Du bedankst dich und nimmst einen Schluck des Wunderelixiers.

 

 

 

Nach nur zwei, drei Schlücken beginnt dein Teint zu strahlen. Oder ist das Glühen deiner Haut eher auf die nicht funktionierende Klimaanlage und deine Weigerung deinen Mantel auszuziehen, zurückzuführen?

Du streifst nochmal durch die Suite und bleibst im Bad an ein paar Tiegelchen hängen.

“Cruelty Free and Vegan” steht da auf dem Etikett einer Tube unter einer selig grinsenden Cartoon Kuh.

Du cremst dir die Hände mit der glücklichen Kuh ein. Während die Kohlesäure-geschwängerte Schönheit in deinem Magen blubbert und die Kuhcreme einzieht, beschließt du dich jetzt doch mal ins Getümmel zu stürzen. Soll ja später keiner behaupten, du wärst Ebenezer Scrooge. Oder gar schüchtern! Ob wohl einer bemerkt, wenn du den Nagellack hier einsteckst?

 

Phase 4: Angriff

Du steuerst an einer Gruppe pre-pupertärer Blogger vorbei, von denen jeder eine Spiegelreflex unterm Arm hat, die mehr kostet als deine Monatsmiete, zielsicher an den Tisch mit den Sektgläsern. Du bist wirklich nicht gut darin Gespräche mit Fremden anzufangen aber als eine der Damen am Tisch eine Flasche nicht aufkriegt, bietest du heroisch deine Hilfe an und erntest begeisterten Applaus, als der Korken Sekunden später gegen die Fensterscheibe knallt. Yes, you´re in!

Die Mädels stellen sich als Redakteurinnen eines jungen Fashion Start-Ups vor, das Ende des Jahres ganz, ganz groß gelauncht wird und du MUSST natürlich zur Party kommen!

Sie fragen dich, was du von der Kollektion von Designern RR hältst und du winkst fachmännisch ab und sagst, dass du sie doch recht uninspiriert findest. Zustimmendes Nicken. Dann deutet eines der Mädels in Richtung der Blogger Clique und mutmaßt, wie alt die Küken wohl sein mögen. Fünfzehn? Sechzehn? Die kommen doch vermutlich direkt aus der Schule. Ach, diese Blogger! Sprießen aus dem Boden, wie Unkraut.

Du lachst kurz mit und antwortest auf die Frage, was du machst mit “Freischaffende Autorin”. Stimmt ja fast!

Dreißig Minuten später verabschiedest du dich von den Damen und der Agenturchefin, bedankst dich nochmal für die Einladung und nimmst dein Goodie Bag in Empfang. Du lächelst selig, als du das Hotel verlässt, so ein Glas Sekt am hellichten Tag steigt doch schnell in den Kopf, vor allem, wenn man nur drei Nüsse im Magen hat (und zwei getrocknete Aprikosen!).

Draußen schaust du in die Tüte. Ein paar Prospekte, Postkarten, ein Haarschaum von PM und oh..ein Designer iPhone Case.

Du hast aber doch nur ein Dumm-Phone. Was sollst du damit? Verdammt!

 

Phase 5: Verkauf

 

Wieviel du für die Hülle wohl bei ebay kriegst?

 

 

 

Bisou,

 

O.

 

 

Nachtrag I: Song in Dauerschleife beim Schreiben dieses Posts: Frank Sinatra – The way you look tonight

Nachtrag II: Ja der Text ist lang – Lesen bildet!

 

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