Ich mag kein Guinness.

Guinness schmeckt nach Badewasser.

Schon der sogenannte Schaum dieses Getränks erinnert in seiner Konsistenz nicht an die stolze, fluffige Krone eines Augustiner oder Beck´s, sondern vielmehr an den letzten Rest Seife, der nach einer langen Sitzung in der Wanne noch eine Weile auf dem Abfluss sitzt, ehe er sich irgendwann doch entschließt sich aufzulösen und im Badezusatz-Nirvana verschwindet.

Und doch (!) verhalf mir dieses, mir gänzlich unsympathische Gebräu, letzte Woche zu einer neuen Erkenntnis. DER Erkenntnis. Aber ich will nicht vorgreifen. Immer der Reihe nach.

 

Mittwochabend, ca. 20.30 Uhr - Ein Irish Pub irgendwo in der Nähe vom Sendlinger Tor (das ist in München).

 

Hier bin ich also. Auf dem Tisch sitzt ein Korb mit Chicken Wings, Potato Wedges und verdächtigen Fleischspießen. Kohlenhydrate wohin das Auge blickt. “American Basket” heißt das Ungetüm. Natürlich. Vor mir ein Guinness. Neben mir eine gute Freundin. Ihr Lebensgefährte rechts von ihr. Ich schaue mich im Lokal um.

Es ist brechend voll. Überall sitzen und stehen Leute, die meisten fragwürdig angezogen aber sichtbar gut gelaunt, lachend, grölend, am rumalbern. Die Luft riecht nach Malz und Fett. Im Hintergrund läuft irgendein Song von Whitney Houston aus der Zeit, als sie noch nicht (so viele) Drogen konsumierte.

Plötzlich stoppt die Musik. Ich schaue irritiert und werde sogleich informiert, dass heute Karaoke Night wäre. Tatsächlich krabbelt im selben Moment ein leicht angetrunkener Jüngling auf die Bühne. Die Melodie von “Born to be wild” (doch, wirklich) schallt aus den Boxen. Er legt los. Was folgt ist nicht schön aber der Junge hat seinen Spaß da oben. Die Menge ebenso. Ich erwische mich, wie ich mitklatsche und beim Refrain leise mitsinge.

IRGENDWAS stimmt hier nicht.

Als der Song endet und das Publikum in Applaus ausbricht, stehen meine Freundin samt Partner plötzlich auf und verlassen den Tisch. Die werden doch nich etwa…   doch. Ich beobachte fassunsglos, wie beide fröhlich grinsend zur Bühne traben. Die Musik setzt wieder ein.. “Angels” von Robbie Williams.

OH-MEIN-GOTT

Ich stehe auf und verlasse den Tisch um einen besseren Blick auf das bevorstehende Drama zu haben. Mit dem Bier in der Hand steh ich da. Doch es folgt kein Drama. Die beiden singen, die Menge klatscht, sie versingen sich, lachen zwischendurch, das Publikum stört sich nicht dran.

Irgendwas stimmt hier nicht.. irgendwas ist anders, als sonst. Ich nehme noch einen Schluck “Bier” und lasse meinen Blick wieder schweifen. Die Stimmung ist ausgelassen, ich erspähe nicht einen einzigen abschätzigen Blick, die Leute haben Spaß. Auf und vor der Bühne. Langsam sickert die Erkenntnis durch. Eine Szene kommt mir in den Sinn..

 

Ein paar Tage zuvor, Samstagabend ca. 23. 40 Uhr – meine Stammbar in einer kleinen Seitengasse in der Nähe vom Marienplatz (auch das ist in München).

 

Ich stehe an der Bar, der Ärmel meines neuen Kleids verrutscht ständig, meine Füße schmerzen von den neuen Ankle Boots aber ich lächle eisern. Oder vielmehr: schaue eisern gelangweilt drein. Merke: Die Mundwinkel sollen sich nur in absoluten Ausnahmefällen der Nase nähern. Meine Mitmenschen kennen und befolgen diese Regel ebenso, die meisten stehen in kleinen Grüppchen da, keiner macht sich die Mühe Jacke oder Mantel (oder gar Mütze) abzulegen – Lässigkeit ist Gott.

Wehe dem, dessen Chucks nicht dreckig genug sind!

Ein paar Jungs stehen draußen an der Tür, begrüßen den Türsteher mit Handschlag, plauschen kurz und betreten die Bar. Man kennt sich. Meine Begleitung kommt vom Klo getorkelt und bestellt eine Runde Piep (ich mach hier ja keine Werbung..) für uns.

Wir müssen später unbedingt noch in diese neue Pop Up Bar in der Dingensstraße oder auf die streng geheime Party in der Sowieso Botschaft, wo man nur reinkommt, wenn man den geheimen Handschlag kennt. Ich nicke unbeeindruckt. Logisch, wird gemacht!

Während er mir den Handschlag zeigt (kann ich mir doch niemals merken!) knipsen neben uns ein paar Leute ihr Bier und laden das Bild Sekunden später bei Facebook hoch. Ich schau mich um. Niemand scheint betrunken. Bin ich die einzige, die trinkt?

Alles guckt konzentriert. Manche abschätzig. Ich glaube jemanden lachen zu hören! .. Ah nein, doch nicht. Es riecht dezent nach Arrog- Halt! Flashback Ende.

 

 

Zurück im Irish Pub:

Der letzte Rest “Bier” ist getrunken. Die Erkenntnis ist da.

Ich bin das erste Mal in diesem Laden. Von selbst wäre ich vermutlich nicht auf die Idee gekommen herzukommen. Und doch stehe ich nun hier und grinse selig.

Diese Leute hier sind ganz offensichtlich irgendetwas auf der Spur. Irgendetwas, das in den gängigen “Szene” (was auch immer die “Szene” genau sein soll) Bars, Clubs und Partys selten anzutreffen ist. Hier ist es also.

Gelassenheit- nein, Ausgelassenheit! So richtige! Dieses magische Ding, das vor lauter Selbstdarstellung in der “Szene” nur nach langem Kratzen an der Oberfläche manchmal zu finden ist.

Wie machen die das nur? Wie kriegen diese Leute hier scheinbar problemlos hin, was die selbsternannten coolsten Menschen des Universums nicht schaffen? Sich wahrhaft ehrlich und unbekümmert gehen zu lassen und unbemüht Spaß zu haben. Liegt es am Bier? Wenn ja, werde ich jetzt öfter Guinness trinken. Auch wenn es WIRKLICH nach Badewasser schmeckt.

 

Dickes Bisou,

 

O

 

Nachtrag I: Die soeben beschrieben Ereignisse beruhen auf Fakten, wenn auch so manches (aber nicht alles) im Zuge grenzenloser, künstlerischer Freiheit, zum Zwecke humoristischer Überhöhung, auf haarsträubende Art und Weise übergroß dargestellt wurde.

Nachtrag II: Ja, der Artikel kommt eine Stunde zu spät, dafür schenke ich euch nächste Woche einen Extra außerhalb der Reihe, so als angekündigte Überraschung. Ich hoffe das besänftigt euch und mein Gewissen.

Unnötiger Nachtrag: Als ich anfing diesen Artikel zu verfassen, hatte ich gerade zwanzig Minuten eines Films (Ratet, welcher!) geguckt und musste dann aufhören. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, beginnt gerade die Wiederholung dieses Films. Es lebe das Privatfernsehen. Timing!

 

Photos via: Lesmads.de und lovehateadvertising.com